Biologische Station im Kreis Wesel e.V.
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Zeiger für den Landschaftswandel - Der Lungen-Enzian

Foto: Blühender Lungen-Enzian"So ist die niederrheinische Landschaft:" schreibt der Drevenacker Lehrer Erich Bockemühl 1928 in seinem Lesebüchlein vom unteren Niederrhein. "Ebene mit viel grünen Weiden und viel Ackerfeldern, Gräben dazwischen und alte große Weiher, wie Seen so groß, und auf den Hügeln die Teiche, die von den Mooren aus alter Zeit übrig geblieben sind. Da rufen die Kiebitze, da wachsen Sonnentau und der blaue Enzian ..."

Wenn in einer Beschreibung der niederrheinischen Landschaft vom Enzian die Rede ist, mag das zunächst Verwunderung hervorrufen. Heutzutage verbindet man mit dem Begriff wohl eher Berge, Almen, Edelweiß oder Kräuterschnaps. Doch in seiner Kurzbeschreibung der niederrheinischen Landschaft spricht der Autor die einzige am Niederrhein vorkommende Enzianart an, den Lungen-Enzian (Gentiana pneumonanthe), und verdeutlicht damit bereits, dass diese Pflanze zwar nicht allgegenwärtig, aber doch wohl noch am Anfang des vergangenen Jahrhunderts so häufig war, dass er sie in einem Lesebuch für Schulkinder für erwähnenswert hält. Er weist sogar auf den bevorzugten Lebensraum hin, auch wenn die Pflanze nicht unmittelbar in Gewässern vorkommt. Vielmehr bevorzugt sie feuchte Heiden und Borstgrasrasen sowie mäßig saure Pfeifengras-Feuchtwiesen.

Foto: Lungen-Enzian Foto: Lungen-Enzian

Der Lungen-Enzian ist ein bis ca. 40 cm hohes mehrjähriges Kraut. Von Juli bis September blühend, beginnen sich seine erst bei einer Temperatur von 19 °C zu öffnen; zum vollständigen Öffnen der Blüten werden ca. 25 °C benötigt. Ohnehin beansprucht die Pflanze neben ausreichend Feuchtigkeit ausgesprochen besonnte Standorte zur optimalen Entwicklung.

Foto: Kleiner Moorbläuling auf Lungen-EnzianAusschließlich an die Blüten kräftiger Pflanzen des Lungen-Enzians legt ein bestimmter Schmetterling, der Kleine Moorbläuling (Maculinea alcon), seine Eier. Die daraus schlüpfenden Raupen wählen sich als Speisezimmer die Blüte und tun sich zunächst an Staubblättern und Fruchtknoten gütlich. In einem späteren Entwicklungsstadium lassen sich die Raupen auf den Boden herab und warten darauf, dass sie von den Arbeiterinnen einer bestimmten Art der Knotenameisen bei deren Nahrungssuche aufgesammelt werden. Dabei schaffen es die Bläuling-Raupen, dass sie von den Ameisen nicht als Beute, sondern quasi als Adoptivkinder ins Nest transportiert werden. Dort werden sie von den Ameisen gefüttert und überwintern auch im Schutz des Nestes. Im Hochsommer verpuppen sich die Raupen und der fertige Schmetterling schlüpft zu Beginn der Enzianblüte aus dem Ameisennest.

Will man nicht nur die Pflanzenart selbst, sondern auch die vom Lungen-Enzian abhängigen Tierarten, insbesondere dem Kleinen Moorbläuling, fördern, so müssen rasch ausreichend große und stabile Bestände des Lungen-Enzians aufgebaut werden. Eine Maßnahme kann dabei das gezielte Ausstreuen von Samen auf entsprechend durch Abplaggen hergerichteten Standorten in der unmittelbaren Umgebung vorhandener Vorkommen sein oder auch das Ausbringen von Samen, die Beständen aus der weiteren Umgebung, möglichst aber aus demselben Naturraum entnommen werden. Letzteres wurde bereits vor Jahren auf einer Versuchsfläche in der Dingdener Heide mit gutem Erfolg praktiziert.

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